Schweden – das „Wunderland der Kinderbetreuungseinrichtungen“?!

Eines gleich einmal vorweg… ja ich habe mein blaues Wunder erlebt, wie ich mich diese Woche genauer mit den gesetzlichen Regelungen für Kinderbetreuungseinrichtungen auseinandergesetzt habe… Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich hier über die Bedingungen in Kinderbetreuungseinrichtungen in Österreich berichte, oder doch über jene in dem „Wunderland der Kinderbetreuungseinrichtungen“ Schweden. Auch in den Kinderbetreuungseinrichtungen in Schweden zeichnet sich in Sachen Gruppengröße und Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte in Kinderbetreuungseinrichtungen ein Negativtrend ab. Gestern hatte ich die Möglichkeit, ein wenig hinter die Kulissen der politischen Arbeit für Kinderbetreuungseinrichtungen in Schweden zu blicken. Die Organisation Skolverket ist die nationale Agentur für Bildung, deren Aufgabe es ist, die Minister im Bildungs- und Forschungsministerium (das unter anderem auch seit 2006 für die Kinderbetreuungseinrichtungen zuständig ist) zu beraten. Die Nationale Agentur für Bildung erarbeitet gemeinsam mit dem Ministerium:

  • Lehrpläne für die Pflichtschule, der Schulpflicht für Kinder und Jugendliche mit (Teil-)Leistungsschwächen, die Sami (=eine Minderheitengruppe) Schule und der Sonderschule
  • Lehrpläne für die Sekundarstufe II
  • Wissensanforderungen für alle Schulformen
  • Verordnungen
  • Allgemeine Richtlinien

Skolverket trägt die primäre Verantwortung über die Verteilung von Ressourcen für die Organisation von Aktivitäten, damit Schülerinnen und Schüler die nationalen Ziele erreichen können. Die Entscheidung jedoch über Lehrpläne, allgemeine Richtlinien, Verordnungen,… liegt ausschließlich beim Ministerium. Genau das ist auch das Problem für Skolverket – sie können Empfehlungen für gelungene Bildungsarbeit abgeben, haben jedoch keine Entscheidungsgewalt und viele Entscheidungen in Sachen Bildungspolitik, die in den letzten Jahren getroffen wurden, waren entgegen der Empfehlungen der nationalen Bildungsagentur. Bei Skolverket sind Personen beschäftigt, die sich durch jahrelange Arbeit in Bildungseinrichtungen einen Erfahrungsschatz angeeignet haben und über ein gewisses Netz an Kontakten verfügen. Skolverket arbeitet eng mit Kommunal zusammen, es finden Arbeitskreise ca. 5x/Jahr „Vernetzungstreffen“ ca. 1x/Monat. Nun zu den Kinderbetreuungseinrichtungen an sich und deren Probleme für die Zukunft:

1.)    Fachkräftemangel:

Wie auch in anderen EU-Ländern nimmt die Zahl der ausgebildeten Fachkräfte für die Kinderbetreuungs zwar zu, jene Personen die nach Abschluss ihrer Ausbildung in den Beruf einsteigen ist relativ gering. Sieht man sich dann noch die Zahlen jener Personen an, die weniger als 5 Jahre in der Kinderbetreuung tätig sind, bevor sie sich beruflich umorientieren zeichnet sich hier ein erschreckendes Bild ab

2.)    Hohe Drop-out Quote:

Weniger als die Hälfte jener PädagogInnen, die nach Abschluss ihrer Ausbildung in den Beruf eingestiegen sind, üben den Beruf auch nach 5 Jahren noch aus.

3.)    Gruppengrößen:

Die Gruppengröße in Kinderbetreuungseinrichtungen ist nicht national geregelt. So kann jede Kommune selbst entscheiden, wie viele Kinder pro Gruppe sie aufnimmt. Dies hängt vor allem von der Form der Betreuung (Vormittagsgruppe vs. Ganztagsgruppe) und vom Bedarf der Eltern ab. Üblicherweise werden in einer Kindergartengruppe zwischen 16 und 25 Kindern betreut. Man muss jedoch dazusagen, dass in Schweden pro Kindergartengruppe 1 Pädagoge/Pädagogin Vollzeitbeschäftigt für die Bildungsangebote, 1 Freizetpädagoge/Freizeitpädagogin Vollzeitbeschäftigt und mindestens eine Helferin Vollzeitbeschäftigt zur Verfügung stehen. Das ist um 1,5 Personen mehr, als wir es in den meisten Kinderbetreuungseinrichtungen in Oberösterreich vorfinden. (In Oberösterreich ist per Gesetz eine (Vollzeitbeschäftigte) PädagogIn und HelferIn nach Bedarf vorgesehen).

4.)    Entgelt- und Arbeitsbedingungen:

Eine Durchschnittliche Kindergartenpädagogin (Fachkraft) verdient hier in Schweden ca. € 2.000,- und das ihr Berufsleben lang. Es gibt keine Möglichkeiten für eine bessere Einstufung oder eine Inflationsanpassung. Auch die Aufstiegsmöglichkeiten für PädagogInnen sind bekanntlich sehr begrenzt. Abgesehen von einer Leitungstätigkeit in einer Kinderbetreuungseinrichtung (die im übrigen niemand übernehmen will auf Grund der noch größeren Verantwortung und der schlechten rechtlichen Absicherung) gibt es keine Karrieremöglichkeiten in Kindergärten. LeiterInnen von Kinderbetreuungseinrichtungen verdienen zwischen € 2.100,- und € 2.800,-, abhängig von ihren Ausbildungen und von ihrem Verhandlungsgeschick bei der Einstellung. Als Vergleich dazu: ein Beschäftigter in der Industrie verdient zu Beginn seiner Berufstätigkeit zwischen € 3.800,- und € 4.000,-  Karrieremöglichkeiten und Regelungen für  Entgeltvorrückungen inklusive.

Neben den Problemstellungen für Kinderbetreuungseinrichtungen haben wir uns gestern noch eingehend mit dem Bildungssystem in Schweden auseinandergesetzt. Tom und ich haben gemeinsam mit Anna von Skolverket eine PPT-Präsentation erstellt um das Bildungssystem besser zu visualisieren (und extra für euch hab´ich sie dann auch noch übersetzt ;-))

PPT_Schulsystem_Schweden_Skolverket

Viel Spaß beim Durchschauen & schönes Wochenende!